Claudia | Was ist wunderschön in diesem Augenblick?

Claudia kenne ich seit gut 3 Jahren, wir treffen uns in regelmäßigen Abständen in kleinem Kreis. Claudia ist mir schon in vielen Lebensfragen und -situationen eine wichtige Unterstützung gewesen.

Für mein Projekt habe ich sie bei ihr zu Hause besucht.

 

 

 

Im April 2016 bin ich direkt vor meinem Haus unglücklich auf dem Schotter gestolpert und weil ich es viel zu eilig hatte gestürzt. Ich wurde mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus gebracht, wo ich dann erfuhr, dass meine Hüfte gebrochen war und ich ein künstliches Hüftgelenk - von mir scherzhaft als "Monster" getauft - bekommen werde.

 

Die ganze Geschichte sollte wohl eine Herausforderung des Lebens an mich werden, ob ich die Werte, die ich in meiner Arbeit unterrichte, auch wirklich leben kann...

Ich lag also da, vor meinem Haus, litt unter tierischen Schmerzen und konnte mich kaum bewegen. Mein Nachbar war sehr schnell zur Stelle und hat einen Krankenwagen gerufen. Mir schossen tausend Gedanken durch den Kopf, wie das ja in solchen Situationen immer so ist... Fragen plagten mich... "Was kommt jetzt alles auf mich zu? Was muss ich alles absagen?" Zu allem Schmerz der schweren Verletzung kam noch der seelische Schmerz der Überlegungen, was jetzt in meinem Leben alles nicht mehr weitergeht und was ich alles absagen muss und nicht fortsetzen kann.
 
Doch irgendwann blühte in mir eine Frage auf, die ich selbst auch unterrichte. Ich fragte mich:

 

"Was ist wunderschön in diesem Augenblick?"


Klasse, was sollte ich in diesem Moment wunderschön finden?

 

Ich sah meinen Nachbarn, der sofort zur Hilfe geeilt war und der meine Hand hielt - wunderschön - den blauen Himmel – wunderschön - hörte die Vögel, die ihre wundervollen Frühlingsgesänge zwitscherten - wunderschön... Auch als ich dann im Krankenwagen lag, konnte ich den Himmel durch ein kleines Fenster beobachten. Wunderschön. So habe ich es geschafft, mich nicht von dem übergroßen Schmerz beherrschen zu lassen und meine innere Balance wieder herzustellen. Ich habe nur so viel Leid zugelassen wie es möglich war, Glück zu empfinden.

 

Als ich aus dem Krankenwagen in die Notaufnahme gefahren wurde, sah ich schon meine Frau, die mich dort erwartete. Sie war von der Arbeit gekommen, als der Krankenwagen gerade vor unserem Haus weggefahren war und war dann hinter dem Krankenwagen hergefahren.
 

Als ich in den Operationssaal gefahren wurde, fühlte ich mich an meine Mandel-OP mit 9 Jahren erinnert. Damals konnte meine Mutter in einem entscheidenden Moment nicht da sein - und bei der Hüft-OP musste meine Frau noch etwas im Auto holen gehen, kurz bevor ich abgeholt wurde. „Was ist wunderschön in diesem Augenblick“? Die liebevolle OP-Schwester wahrzunehmen unterstützte mich, mich wieder auszubalancieren.

Die Zeit im Krankenhaus hat mich sehr gefordert. Ich erinnere mich, dass meine Frau an einem Wochenende mit einem befreundeten Paar ausging. Das hat mich sehr traurig gemacht. Mir wurde schlagartig bewusst, wie abhängig ich jetzt geworden war.

 

Und da lag ich dann mit meiner Frage "Was ist wunderschön in diesem Augenblick?"

Da war die nette Krankenschwester, die mir eine dicke Decke unter die Beine gelegt hat, weil meine Fersen schmerzten. "Wunderschön". Und ich spürte eine tiefe Dankbarkeit für unser Gesundheitssystem, das es mir erlaubte, hier so gut umsorgt zu werden. "Wunderschön".

Ich hatte zum Glück eine scharfe Wahrnehmung, welche Gedanken mir gerade gut taten, und welche mir schadeten. Ich lernte noch stärker wertzuschätzen, was gerade ist.

 

Nach der OP und meinem Krankenhausaufenthalt ging es zur Genesung nach Hause. Ich fühlte mich sehr unsicher vor der Heimkehr. Meine gewohnten Bewegungsabläufe musste ich zumindest zeitweise aufgeben. Das WC im Erdgeschoss und das Schlafzimmer im Obergeschoss stellen da schon eine Herausforderung dar. Allerdings erlangte ich zu Hause wieder viel Gesundungsenergie.

Ich übte mich in achtsamem Gehen. Hob die Füße beim Gehen höher als sonst. Achtete auf eine möglichst gleiche Schrittlänge. Ich trainierte ziemlich hart um schnellstmöglich genesen zu können.

Bei der Nachuntersuchung meinte der Arzt dann, ich sei überlastet. Ich hatte schlichtweg übertrieben. Ich hatte vergessen, dass zur Genesung auch Pausen wichtig sind. Innehalten und spüren, was der Körper gerade braucht. So fand ich ein neues Tempo und ging von da an achtsamer ins Training.

Ich fasste ein Ziel ins Auge. Ich wollte eine Radtour entlang der Ems unternehmen - noch in diesem Jahr! Ich habe jeden Tag 3 Handlungen für dieses Ziel gemacht, habe jeden Tag in mich hinein gespürt, was ich denn gerade brauche, um dieses Ziel zu erreichen. Langsam aber stetig wuchs in mir die Kraft und der Willen, dieses Ziel zu erreichen.

 

Ich habe dem Leben Vertrauen geschenkt und gefragt "Liebes Leben, was willst Du mir mit diesem Unfall sagen?" Ich hörte im Innern die Antwort: „Du sollst nicht mehr so überlastet und in Leistungswahn durchs Leben gehen. Du sollst noch viel achtsamer gehen und offen sein für das, was wunderschön in jedem Augenblick ist.“

Die Radtour entlang der Ems haben meine Frau und ich dann auch tatsächlich unternommen - im August 2016! Das waren dann ganz ganz viele wunderschöne Augenblicke am Stück, die mich sehr glücklich gemacht haben.

 

 

 

Liebe Claudia, ich danke Dir sehr für das Gespräch

 

www.quelle-der-achtsamkeit.eu

 

 

 

 

 


 

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